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Spannender Morgen  ( Kapitel 1 )

»Aufstehen! Es ist Zeit!«, schallte es durch die morgendliche Stille. Itschii hörte das Rufen und lugte unter seiner Decke hervor. Er rief zurück: »Ich kann nicht! Meine Zeichnung ist noch nicht fertig.»

Zack, zack raste sein Bleistift übers Papier. Itschii entwarf einen automatischen Nussknacker – na ja – zumindest eine Skizze davon. »Verstehe, verstehe», murmelte sein gutmütiger Vater Papewas von unten. »Du musst aber aufstehen – heute ist Schule!»

´Wie langweilig! Ich will nicht`, dachte Itschii. Er kaute auf seinem Bleistift herum und blickte hinaus. Hinaus aus dem Guckloch seiner Schlafhöhle im Baum – einer uralten Kastanie. Ihre Äste ragten wie Arme in den Himmel hinauf und ihre Baumwurzeln krallten sich in den Boden. Ein starker, kräftiger Baum! Kein Sturm, kein Erdbeben, nichts konnte ihn umwerfen.

Unten, zwischen den Wurzeln, die im Erdreich klebten, lag die Höhle der Golfgnom-Familie versteckt. Itschii riskierte einen Blick nach unten. Stand sein Vater noch dort? Nö. Also stützte er sein Kinn in die Hände und schaute über den Golfplatz. Rätselhaft und verträumt sah er aus. Die ersten Nüsse lagen auf dem Gras.

`Womit könnte ich den Nussknacker bauen?`, rätselte Itschii und hatte beinahe schon wieder vergessen, was er tun sollte: Aufstehen.

Langsam rappelte er sich auf und zog an, was neben seinem Bett lag: kurze Shorts und sein Lieblingshemd. Eines aus Wildleder, genau in der Farbe seiner Haut. So goldbraun oder goldgelb. Oder herbstlaubgelb? Eben in so einem gelblichen Naturton. Irgendwie voll schön.

»Itschii!», rief eine Frauenstimme fordernd. Sahia, Itschiis Mutter, klang ungeduldig. Rasend schnell zog ihr Sohn sich fertig an. Dann sprang er durch die Höhlenöffnung, schnappte sich die Liane aus Efeu, die ihm als Kletterseil diente, und rutschte hinunter.

Sein Vater schlich – selbst noch müde – vor der Elternschlafhöhle herum. Als er Itschii mit nackten Füßen sah, befahl er: »Itschii! Geh und zieh eine lange Hose und Stiefel an! Es ist kalt draußen!» Der alte Herr schüttelte seine dunklen, zotteligen Haare und folgte seiner Frau in die Küche.

Itschii eilte in seine Erdhöhle. Er schlüpfte in die Schulhose und zog die Wildlederstiefel an. Zuletzt warf er sich seine Schultasche über.

Prüfend blickte der Gnomjunge aus der Tür. Da er weder Mutter noch Vater sah, kletterte Itschii erneut den Stamm der Kastanie hinauf, hoch in seine Baumhöhle. Ohne Forscherrucksack konnte er nicht gehen! Da waren nämlich voll wichtige Sachen drin, Hilfsmittel jeder Art: Schreib- und Zeichenmaterial, ein Messer, eine Schnur, Zauberkram, Heilmittel und Verbandszeug, ein Übersetzungslexikon (gnomisch-libellisch) und lauter solche Dinge.

Im Hinterkopf plante Itschii bereits den Nachmittag. Er sah, dass die Sonne schon hoch stand. »Mist!» schimpfte er, »So spät schon?», und sprang den letzten Meter vom Seil.

Itschii lief in die Küche. Denn ohne großes Lunchpaket wäre er nun wirklich aufgeschmissen – hungrig, wie er immer war. Er riss die Küchentür auf.

Mutter und Vater saßen am Tisch, Arm in Arm wie ein verliebtes Paar. Itschii grinste. Sahia blitzte ihn ärgerlich an. Das tägliche Drama mit dem Fertigwerden nervte sie – das wusste Itschii. Aber irgendwie konnte er morgens einfach nicht schneller fertig werden – es gab doch so viel anderes zu tun.

Schnell schnappte er sich sein Lunch-Paket und flitzte wieder hinaus.

»Itschii!», rief ihm seine Mutter etwas zu laut hinterher. Sahias Sohn zuckte erschrocken zusammen und drehte sich in der Tür um, ohne diese loszulassen.

»Ja?», fragte er trotzig.

»Du hast deine Wasserflasche vergessen», meinte sie. Itschii trat wieder ein, griff nach der Flasche, drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und rannte los, Richtung Schule.

Itschiis Magen knurrte. Zeit zum Frühstücken hatte er ja nicht gehabt. Vielleicht sollte er doch mal früher aufstehen? Der hungrige Gnomjunge wickelte sein Buchweizenbrot aus und biss gierig hinein.

Doch dabei vergaß er, auf den Weg zu achten!

Und zack, da passierte es. Mit einem Plopp stieß Itschiis linker großer Zeh gegen eine Baumwurzel, die sich über den Weg schlängelte. Er stolperte, versuchte das Gleichgewicht zu halten – doch es nützte ihm nichts. Itschii fiel mit der Nase voran auf den Boden.

Da lag er nun im Gras. Verdutzt. Ohne sich zu bewegen. Langgestreckt, aber mit hoch erhobenem Arm, sein Frühstücksbrot fest in der Hand haltend. Itschii klemmte es sich zwischen die Zähne und rappelte sich auf.

Wie er aussah! Überall klebten Blätter. Und ach, da waren Grasflecken am Ellenbogen. Itschii rieb daran, doch die Flecken blieben – seine Mutter würde schimpfen.

Hinter ihm raschelte etwas. Itschii lauschte. Hatte er etwas gehört? Oder nicht? Während er vom Brot abbiss, drehte er sich Schritt für Schritt auf der Stelle im Kreis. Er musste sich umsehen! Immerhin drohten auf dem riesigen Golfplatz echte Gefahren: Die schlaue Wildkatze könnte sich an ihn heranschleichen und fressen wollen. Oder eine Schar schwarzer Krähen könnte sich auf ihn stürzen.

Wieder hörte Itschii ein Rascheln. Ein Knistern. Knackende Äste. »Himmelkreuz, was sind das für Geräusche?», rief Itschii. Neugierig, wie er war, konnte er nicht einfach weiter gehen und die Dinge auf sich beruhen lassen. Nein. Itschii´s Forscherhirn wollte unbedingt herausfinden, wer oder was sich da versteckte. Deshalb schluckte er den letzten Bissen hinunter, spannte seine Schultasche fester und verließ den Schulweg. Querfeldein schlich er sich voran, in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Langsam und vorsichtig bewegte er sich auf die Büsche zu, aus denen die Laute drangen. Damit kein Blatt raschelte und ihn womöglich verriet, setzte Itschii seine Füße ganz sachte auf den Boden. Ganz sachte und langsam; im Schneckentempo.

Die Geräusche verstummten und Itschii glaubte schon, nichts zu finden. War es nur ein Hase gewesen? Ein Reh? Doch … plötzlich, als er nur noch zwei, drei Schritte vom Gebüsch entfernt war, hörte Itschii ein lautes Glucksen und Prusten.

Da lachte jemand! Jemand wie er. Ein Junge? Richtig! Ein fremder Junge sprang aus der Deckung und tanzte wild lachend um Itschii herum. Dieser wich erschrocken zurück und schaute sich den Unbekannten genau an. Der war ein Gnom wie er, aber wirkte irgendwie, irgendwie, … na ja – schmutzig. Ja. Schmutzig und verwildert.

Der Fremde trug von Motten zerfressene Kleidung, hatte Dreckflecken im Gesicht und tiefe Kratzspuren an Armen und Beinen. Kurz gesagt: Er sah wie ein Landstreicher aus. Wie jemand ohne ein Zuhause und so.

Itschii fragte genervt: »He! Warum lachst du so? Und wer bist du?»,

»Ha. Das wüsstest du wohl gern, du Tollpatsch?», erwiderte der Fremde.

Tollpatsch? Wütend, über diese Beleidigung, ging Itschii drohend auf den anderen Jungen zu. Doch der Fremde ergriff eine Liane und kletterte flink wie ein Affe auf den nächsten Baum. Von dort oben lachte er auf Itschii herab.

»Hahaha. Dachtest du etwa, du würdest mich kriegen? So schnell wie Chetan ist kein anderer!», behauptete der Fremde.

»Chetan? Was ist das denn für ein alberner Name?», fragte Itschii, der unter dem Baum stand und hinauf schaute.

»Albern? Chetan ist ein würdevoller Name. Er bedeutet »das Leben». Und ich lebe, glaub mir! In Freiheit und Unabhängigkeit. Ich halte mich nicht an Regeln und tue den ganzen Tag lang nur das, wozu ich Lust habe. Chetan – das Leben. Ist doch cool. Gib es zu!»

Itschii dachte kurz nach und grinste. »Chetan … na gut. Das ist cool. Los. Komm da runter!», befahl er. Der fremde Junge sprang mit einer Rolle rückwärts vom Baum. Wie eine Katze drehte er sich zweimal in der Luft und landete sicher auf beiden Beinen.

Gelassen fragte er: »Und wer bist du?»

»Itschii. Ich wohne hier auf dem Golfplatz.»

»Aha. Und was bitte bedeutet der Name Itschii?», fragte Chetan.

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Die wundersamen Namen verraten ihre Herkunft: Sie gehören zu den „alten Naturvölkern“ und stammen aus Schottland.

Mit ihrer golden schimmernden Haut, den spitzen Ohren und langen Haaren erinnern sie an Indianer mit Mäuseschnute. Sie reiten auf Eichhörnchen, halten Grashüpfer als Wachtiere und lernen den Singsang der Libellen als Zweitsprache.

Die Familien der Golfgnome wohnen – wo sonst – auf Golfplätzen.