Nachtgeflüster ( Kapitel 1 )

Itschii saß im Baum – wo auch sonst? Zusammen mit Hotah, seinem Eichhörnchen, war er dort hinaufgeklettert und beobachtete seine Freunde: Nalini, Chetan und die anderen Gnomkinder tanzten immer noch um die funkelnden Feuer herum. Mangus und Resa-Zan saßen mit Itschiis Eltern unterm Baum am Rande des Golfplatzes. Sie unterhielten sich.

Oben im Baum neben Itschii, saß nur Hotah, sein Eichhörnchen. »Was denkst Du, was jetzt wird?», fragte Itschii es. »Ob Nalini nach unserem Abenteuer hier bleibt? Wäre toll, oder?» Hotah schaute sein Herrchen mit riesigen Augen an und schnaufte.

»Vielleicht zeige ich ihr ein bisschen von der Gegend? Dann bleibt sie bestimmt eher hier!», glaubte Itschii und sprang vom Baum. Hotah blieb sitzen. In Nullkommanichts rannte der 9jährige zu Nalini und sagte: »Komm mit!» und zog sie hinter sich her.

»Was ist los?», fragte seine Freundin erstaunt.

»Ich will dir was zeigen!», antwortete Itschii.

»Jetzt? Mitten in der Nacht?», wunderte sich Nalini.

»Na klar. Oder hast du Schiss?», wollte Itschii wissen und schaute seine 2,5 Jahre ältere Freundin prüfend an.

»Soll das ein Witz sein? Nein, natürlich habe ich keine Angst. Vor dir etwa?» , lachte sie.

Itschii fing an zu rennen und rief dabei: »Vor mir? Nee, aber vielleicht vor der Dunkelheit? Du bist doch ein Mädchen!»

»Na warte du kleiner Macho. Ich denke, jetzt solltest du Angst vor MIR haben!» Nalini flitzte hinter ihm her und versuchte, ihm in den Po zu zwicken. Doch Itschii lachte und rannte schneller. Sie hinterher. Das Grün des Golfplatzes war zu Ende. Itschii flitzte durch eine Hecke hindurch und stoppte kurz an der Straße. Dann rannte er rüber. Nalini folgte ihm. In der Ferne blinkten die Scheinwerfer eines Autos auf. Eine Katze fauchte irgendwo im Gebüsch. »Wo willst du hin?», rief Nalini.

»Zum Herrenteich!», meinte Itschii und zeigte mit einem Finger Richtung Norden. »Ich will dir einen der schönsten Plätze zeigen! Wir müssen da lang. Quer über die Felder.»

Nalini meinte »Alles klar …» und bückte sich.

Itschii hielt zwei Stacheldrähte eines Zaunes auseinander und ließ die Freundin vor sich durchklettern. Vor ihnen lag ein abgemähtes Stoppelfeld. Nebeneinander liefen sie einer Treckerspur entlang. Es wurde dunkler.

Das Licht der Straßenlaternen wurde schwächer und schwächer. Am Feldrand tauchte ein Wäldchen auf. Es war nun fast ganz und gar dunkel. Beinahe nachtschwarz.

»Wa, wa, was ist das?», schrie Nalini plötzlich. »Mich hat etwas gestreift. Irgend etwas fliegt hier rum!»

Itschii grinste und sagte: »Fledermäuse» »Fledermäuse? Sind die nicht gefährlich?», rief Nalini nervös.»Na ja – die kommen nachts aus ihren Höhlen, um zu jagen», erklärte Itschii.

»WAS? Und dann schleppst du mich hier raus? Spinnst Du?» meinte die entsetzte Nalini und duckte sich. Vor ihr zischten noch drei dunkle Schatten vorbei.

»Entspanne Dich. Die fressen nur Mücken, aber keine Gnomkinder!» ermutigte Itschii sie.

Nalini beruhigte sich, war aber noch nicht überzeugt. »Ganz sicher?» »Ja, keine Sorge. Schau, da vorne ist schon die Heilsau. An dem Fluss müssen wir noch ein Stückchen langgehen.»

Itschii lief nicht mehr, sondern ging vorsichtig durchs Dickicht. Nalini griff nach seiner Hand. Jetzt flogen die Jäger der Nacht hinter ihr entlang. Das war unheimlich. »Sind wir bald da?» fragte sie und schüttelte sich, als könne sie damit die Dunkelheit von sich werfen. Itschii knurrte: »Mmm. Gleich.» Der Schrei einer Eule erklang. Nalini zuckte zusammen. Itschii hielt ihre Hand fester.

»Man merkt, dass du in einer Großstadt aufgewachsen bist. Ich passe auf dich auf!»

»Scherzkeks. Ich bin die Ältere!», meinte Nalini und zog ihre Hand aus seiner.

Itschii tat so, als wäre ihm ihre Hand lästig gewesen und wischte sie sich demonstrativ am Hemd ab. Statt sich seiner Gefühle hinzugeben, spielte er den Professor: »Hier in Reinfeld gab es mal ein Kloster. Die Mönche haben ganz viele Fischteiche angelegt. Der größte ist der Herrenteich; aufgestaut aus der Heilsau. Wir gehen ans nördliche Ende, ins Naturschutzgebiet. Da treiben sich wenigstens keine Menschen rum!»

»Fischteiche?» »Ja, Fischteiche. Schau, wir sind fast da.» Vor den Gnomkindern lichtete sich das Gebüsch. Sie traten unter den Bäumen hervor. Vor ihnen glänzte die Wasseroberfläche des Herrenteiches im Licht des Mondes. Ein alter Baumstamm lag am Ufer.

»Setz dich!» schlug Itschii vor. Nalini machte es sich bequem. Er stand neben ihr und zeigte aufs Wasser. »Siehst du sie? Die Glühwürmchen?»

»Ja!» staunte Nalini und bewunderte die leuchtenden Pünkchen in der Nacht. Der Wind flüsterte in den Bäumen. Kleine Wellen rauschten ans Ufer. Ansonsten war es still. Total still.

»Ist das nicht schön hier?» fragte Itschii.

»Mmm. Das ist wirklich ein wundervoller Platz. Aber trotzdem ein bisschen unheimlich …»

»Ich bin bei dir!»

»Ja, Herr Beschützer. Hoffentlich hast du deine Waffen dabei!» hoffte Nalini scherzhaft.

»Waffen?» fragte Itschii. »Nein, Pfeil und Bogen habe ich nicht mitgenommen!»

Fauch. Fauch. Ein Raubtierfauchen erklang.

Nalini griff wieder Itschiis Hand. »Was faucht hier?»

Itschii zischte: »Sei leise. Hier schleichen schon mal Katzen rum. DIE können uns gefährlich werden.»

»Vorhin an der Straße habe ich auch schon Fauchen gehört», meinte Nalini.

»Vielleicht wurden wir verfolgt? Komm. Laß uns davonschleichen!» forderte Itschii sie auf. Nalini erhob sich vom Baumstamm und folgte ihrem Freund auf dem Fuße. Der blickte angestrengt ins Dickicht. Fauchen – links von ihnen. Fauchen. Fauchen. Fauchen.

»Hoffentlich hat die keinen Hunger», flüsterte Itschii und schlich vorwärts. Dabei blickte er sich prüfend um – schlich der Vierbeiner sich an?

Nalinia erschauerte: »Was machen wir, wenn doch?»

»Rennen? Zum UHUG-Eingang? Am Stoppelfeld gibt es einen Einzigen, der unter der Straße durchführt», erzählte Itschii.

»Die Katze ist doch bestimmt schneller als wir!» mutmaßte Nalini und drängte sich eng an Itschii. In seiner Nähe fühlte sie sich sicherer.

»Ja, deswegen haben wir ja die unterirdischen Höhlen und Gänge – damit wir ihnen dennoch entkommen können.» Itschii erahnte ein getigertes Gesicht im Dunkeln.

»Los. Sofort unter die Wurzeln dort!» schrie der Junge und kroch rasend schnell selbst unter die Wurzeln einer großen, alten Buche. Nalini warf sich auf Hände und Kniee und kroch Itschii hinterher.

Die Katze sprang davor. Das Loch unter den Wurzeln war klein. Die Gnomkinder drückten sich hinein. Fauch. Fauch. Fauch. Die Katze fauchte wütend und steckte eine Pfote ins Loch.

»Laß dich bloss nicht von den Krallen erwischen. Die sind scharf!» warnte Itschii.

Nalini zwängte sich so weit in die Nische zwischen den Wurzeln, wie sie konnte. Dunkle Walderde bröselte auf ihren Kopf. Spinnenfäden webten sich um ihr schwarzes Haar. »Fressen Katzen wirklich Gnome?»

»Nein. Aber sie spielen gerne mit uns. Wie mit ner Maus. Dabei kann man ganz schön verletzt werden! Hier schau. Eine hat mich mal erwischt!» erzählte Itschii. Er drehte sich seitlich, hob sein Hemd ein Stückchen hoch und zeigte seine Kratzspuren am Rücken. Mit einer Hand stützte er sich am Erdreich ab. Doch bevor Nalini die alten Verletzungen bewundern konnte, knatterte ein Motorrad heran. Die Gnomkinder blickten durch eine Luke zwischen den Wurzeln hinaus. Die Katze hielt kurz inne. Das Motorrad kam direkt auf sie zu; fuhr übers Feld.

»Das ist ein Jäger. Der will bestimmt zu dem Hochsitz da vorne!» vermutete Itschii. Er ließ sein Hemd wieder runterfallen und zeigte ans linke Feldende.

»Um diese Zeit?» fragte Nalini.

»Bisschen früh ist der dran, ja. Aber bald graut der Morgen», meinte Itschii und legte schützend seinen Arm vor Nalini. Die Katze ließ trotz Störenfried nicht locker. Sie streckte ihre Krallen aus und langte nach ihnen.

»Hau ab!“, forderte Itschii und trat nach ihrer Pfote.

Das Motorrad blieb im Matsch stecken. Der Motor heulte auf. Starb; ging aus. Und wurde mit einem riesigen Knall neu gestartet. Das Aufheulen des Motors lärmte durch die Nacht. Die Katze fauchte – dieses Mal selbst erschreckt – und rannte davon.

»Los, sofort weg hier», forderte Itschii seine Freundin auf. Die beiden Gnome rannten los. Rannten und rannten. Rannten übers Feld. Nalini atmete hektisch. Mal wieder erklang Fauchen. Itschii blickte sich um. »Sie ist wieder hinter uns her.»

Atemlos befahl er: »Los rein da!» und hielt plötzlich eine Holzklappe im Boden auf. Nalini bremste und schwang sich hinein. Itschii sprang hinterher und schlug die UHUG-Tür zu.

Hier waren sie in Sicherheit.

Draußen tobte die Katze und krallte wie verrückt an der Holzklappe herum. Immer wieder langte sie danach und hob sie tatsächlich ein Stückchen an.

»Ob die die Klappe richtig aufbekommt?“ wollte die besorgte Nalini wissen. Sie rang noch nach Atem und sprach undeutlich.

Itschii schüttelte den Kopf. »Eher nicht. Und selbst wenn: Die UHUG´s sind zu niedrig und schmal. Da kommen Katzen nicht rein.“

Das wütende Fauchen ebbte ab. Nalini wollte trotzdem hier weg. Der Eingangsbereich war naß und ungemütlich. Der Gang dahinter war tiefdunkel.

»Wie kommen wir hier weg?“ fragte sie.

»Wir müssen dadurch», meinte Itschii und zeigte ins Dunkel. »Der Gang führt unter der Straße durch und endet auf dem Golfplatz.“

»Ernsthaft? Da soll ich durch?“ fragte das Gnom-Mädchen. »Ich dachte, du wolltest mir die schönen Seiten deiner Heimat zeigen!“

Itschii verzog die Mundwinkel. Hatte er einen Fehler gemacht? Würde Nalini jetzt erst recht direkt morgen abreisen? Er mochte die UHUG´s ja selbst nicht! »Was am anderen Ende wartet, ist schön: unser Gnomdorf auf dem Golfplatz. Los, komm!“

Er nahm Nalinis Hand und drückte sie vertrauenserweckend. Die beiden gingen in gebeugter Haltung durch das Unsichtbare. Schweigend. So schnell wie möglich. Die Luft war feucht und roch nach Erde. Sahen taten die Gnomkinder fast nichts. Stellenweise tastete Itschii sich an der Wand entlang.

»Gibt es hier drinnen kein Licht?“, fragte Nalini.

»Nur an den Ein- und Ausgängen auf dem Golfplatz hängen Glimmstängel. Wir sind gleich da!“ erklärte Itschii und bog an der nächsten Ecke ab. In der Ferne sahen sie jetzt schwachen Lichtschimmer. Doch am ersten Ausgang lief Itschii vorbei. Am Nächsten auch.

»Ich denke, wir kommen hier raus!“, rief Nalini, die keine Lust mehr auf Spinnweben und Dreckbrösel in den Haaren hatte.

Itschii spürte, dass Nalini nun ärgerlich und nicht mehr ängstlich klang. Das war gut. »Wir laufen direkt bis zur Vorratskammer meines Elternhauses!“, erklärte er.

Kaum gesagt blieb er stehen. »Wir sind da!“

Mit klammen Fingern drückte er eine Tür auf, die schwungvoll nach innen aufschlug. Itschii hielt sie fest, Nalini ging rein. »Wau!“ rief sie. »Das ist ja cool!“ Sie bestaunte die Regale von Sahia. Itschiis Mutter lagerte hier unendlich viele Gläser mit Eingemachtem sowie Kartoffeln, Nüsse und Äpfel in Körben auf dem Boden.

»Hast du Hunger?“, fragte Ischii und reichte ihr einen rotgelben Apfel, der wunderbar süßlich roch.

»Können wir den am Feuer essen?“, fragte Nalini. »Mir ist kalt!“

Itschii nickte, öffnete die Tür zur Küche und dann die nach draußen. Die Nacht davor graute bereits. »Komm, wir klettern in mein Baumhaus. Dort ist es auch warm und gemütlich!“ schlug Itschii vor und schnappte sich die Liane aus Efeu, die bis auf den Boden hing.

Das Blätterdach der majestätischen Kastanie wirkte einladend. Nalini stimmte zu: »Gerne» und kletterte hinterher. Oben angekommen setzten sie sich auf Felldecken. Eine legte Itschii um Nalinis Schultern. Sie bissen in ihre Äpfel und schauten über den Golfplatz.

Die Feuer waren längst verglüht. Die anderen Gnome schliefen. In der Ferne streifte die aufgehende Sonne den Horizont. In den ersten Häusern der Menschen wurde Licht angeschaltet und Vögel fingen an zu zwitschern.

»Eigentlich ist es doch ganz schön hier», meinte Nalini, die das nächtliche Abenteuer nun belachte. »Angst vor Fledermäusen! Unfassbar, die tun doch nichts!“

Itschii atmete auf. Ob sie bleiben würde?

 

 

Spannender Morgen  ( Kapitel 1 )

»Aufstehen! Es ist Zeit!«, schallte es durch die morgendliche Stille. Itschii hörte das Rufen und lugte unter seiner Decke hervor. Er rief zurück: »Ich kann nicht! Meine Zeichnung ist noch nicht fertig.»

Zack, zack raste sein Bleistift übers Papier. Itschii entwarf einen automatischen Nussknacker – na ja – zumindest eine Skizze davon. »Verstehe, verstehe», murmelte sein gutmütiger Vater Papewas von unten. »Du musst aber aufstehen – heute ist Schule!»

´Wie langweilig! Ich will nicht`, dachte Itschii. Er kaute auf seinem Bleistift herum und blickte hinaus. Hinaus aus dem Guckloch seiner Schlafhöhle im Baum – einer uralten Kastanie. Ihre Äste ragten wie Arme in den Himmel hinauf und ihre Baumwurzeln krallten sich in den Boden. Ein starker, kräftiger Baum! Kein Sturm, kein Erdbeben, nichts konnte ihn umwerfen.

Unten, zwischen den Wurzeln, die im Erdreich klebten, lag die Höhle der Golfgnom-Familie versteckt. Itschii riskierte einen Blick nach unten. Stand sein Vater noch dort? Nö. Also stützte er sein Kinn in die Hände und schaute über den Golfplatz. Rätselhaft und verträumt sah er aus. Die ersten Nüsse lagen auf dem Gras.

`Womit könnte ich den Nussknacker bauen?`, rätselte Itschii und hatte beinahe schon wieder vergessen, was er tun sollte: Aufstehen.

Langsam rappelte er sich auf und zog an, was neben seinem Bett lag: kurze Shorts und sein Lieblingshemd. Eines aus Wildleder, genau in der Farbe seiner Haut. So goldbraun oder goldgelb. Oder herbstlaubgelb? Eben in so einem gelblichen Naturton. Irgendwie voll schön.

»Itschii!», rief eine Frauenstimme fordernd. Sahia, Itschiis Mutter, klang ungeduldig. Rasend schnell zog ihr Sohn sich fertig an. Dann sprang er durch die Höhlenöffnung, schnappte sich die Liane aus Efeu, die ihm als Kletterseil diente, und rutschte hinunter.

Sein Vater schlich – selbst noch müde – vor der Elternschlafhöhle herum. Als er Itschii mit nackten Füßen sah, befahl er: »Itschii! Geh und zieh eine lange Hose und Stiefel an! Es ist kalt draußen!» Der alte Herr schüttelte seine dunklen, zotteligen Haare und folgte seiner Frau in die Küche.

Itschii eilte in seine Erdhöhle. Er schlüpfte in die Schulhose und zog die Wildlederstiefel an. Zuletzt warf er sich seine Schultasche über.

Prüfend blickte der Gnomjunge aus der Tür. Da er weder Mutter noch Vater sah, kletterte Itschii erneut den Stamm der Kastanie hinauf, hoch in seine Baumhöhle. Ohne Forscherrucksack konnte er nicht gehen! Da waren nämlich voll wichtige Sachen drin, Hilfsmittel jeder Art: Schreib- und Zeichenmaterial, ein Messer, eine Schnur, Zauberkram, Heilmittel und Verbandszeug, ein Übersetzungslexikon (gnomisch-libellisch) und lauter solche Dinge.

Im Hinterkopf plante Itschii bereits den Nachmittag. Er sah, dass die Sonne schon hoch stand. »Mist!» schimpfte er, »So spät schon?», und sprang den letzten Meter vom Seil.

Itschii lief in die Küche. Denn ohne großes Lunchpaket wäre er nun wirklich aufgeschmissen – hungrig, wie er immer war. Er riss die Küchentür auf.

Mutter und Vater saßen am Tisch, Arm in Arm wie ein verliebtes Paar. Itschii grinste. Sahia blitzte ihn ärgerlich an. Das tägliche Drama mit dem Fertigwerden nervte sie – das wusste Itschii. Aber irgendwie konnte er morgens einfach nicht schneller fertig werden – es gab doch so viel anderes zu tun.

Schnell schnappte er sich sein Lunch-Paket und flitzte wieder hinaus.

»Itschii!», rief ihm seine Mutter etwas zu laut hinterher. Sahias Sohn zuckte erschrocken zusammen und drehte sich in der Tür um, ohne diese loszulassen.

»Ja?», fragte er trotzig.

»Du hast deine Wasserflasche vergessen», meinte sie. Itschii trat wieder ein, griff nach der Flasche, drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange und rannte los, Richtung Schule.

Itschiis Magen knurrte. Zeit zum Frühstücken hatte er ja nicht gehabt. Vielleicht sollte er doch mal früher aufstehen? Der hungrige Gnomjunge wickelte sein Buchweizenbrot aus und biss gierig hinein.

Doch dabei vergaß er, auf den Weg zu achten!

Und zack, da passierte es. Mit einem Plopp stieß Itschiis linker großer Zeh gegen eine Baumwurzel, die sich über den Weg schlängelte. Er stolperte, versuchte das Gleichgewicht zu halten – doch es nützte ihm nichts. Itschii fiel mit der Nase voran auf den Boden.

Da lag er nun im Gras. Verdutzt. Ohne sich zu bewegen. Langgestreckt, aber mit hoch erhobenem Arm, sein Frühstücksbrot fest in der Hand haltend. Itschii klemmte es sich zwischen die Zähne und rappelte sich auf.

Wie er aussah! Überall klebten Blätter. Und ach, da waren Grasflecken am Ellenbogen. Itschii rieb daran, doch die Flecken blieben – seine Mutter würde schimpfen.

Hinter ihm raschelte etwas. Itschii lauschte. Hatte er etwas gehört? Oder nicht? Während er vom Brot abbiss, drehte er sich Schritt für Schritt auf der Stelle im Kreis. Er musste sich umsehen! Immerhin drohten auf dem riesigen Golfplatz echte Gefahren: Die schlaue Wildkatze könnte sich an ihn heranschleichen und fressen wollen. Oder eine Schar schwarzer Krähen könnte sich auf ihn stürzen.

Wieder hörte Itschii ein Rascheln. Ein Knistern. Knackende Äste. »Himmelkreuz, was sind das für Geräusche?», rief Itschii. Neugierig, wie er war, konnte er nicht einfach weiter gehen und die Dinge auf sich beruhen lassen. Nein. Itschii´s Forscherhirn wollte unbedingt herausfinden, wer oder was sich da versteckte. Deshalb schluckte er den letzten Bissen hinunter, spannte seine Schultasche fester und verließ den Schulweg. Querfeldein schlich er sich voran, in die Richtung, aus der das Geräusch kam.

Langsam und vorsichtig bewegte er sich auf die Büsche zu, aus denen die Laute drangen. Damit kein Blatt raschelte und ihn womöglich verriet, setzte Itschii seine Füße ganz sachte auf den Boden. Ganz sachte und langsam; im Schneckentempo.

Die Geräusche verstummten und Itschii glaubte schon, nichts zu finden. War es nur ein Hase gewesen? Ein Reh? Doch … plötzlich, als er nur noch zwei, drei Schritte vom Gebüsch entfernt war, hörte Itschii ein lautes Glucksen und Prusten.

Da lachte jemand! Jemand wie er. Ein Junge? Richtig! Ein fremder Junge sprang aus der Deckung und tanzte wild lachend um Itschii herum. Dieser wich erschrocken zurück und schaute sich den Unbekannten genau an. Der war ein Gnom wie er, aber wirkte irgendwie, irgendwie, … na ja – schmutzig. Ja. Schmutzig und verwildert.

Der Fremde trug von Motten zerfressene Kleidung, hatte Dreckflecken im Gesicht und tiefe Kratzspuren an Armen und Beinen. Kurz gesagt: Er sah wie ein Landstreicher aus. Wie jemand ohne ein Zuhause und so.

Itschii fragte genervt: »He! Warum lachst du so? Und wer bist du?»,

»Ha. Das wüsstest du wohl gern, du Tollpatsch?», erwiderte der Fremde.

Tollpatsch? Wütend, über diese Beleidigung, ging Itschii drohend auf den anderen Jungen zu. Doch der Fremde ergriff eine Liane und kletterte flink wie ein Affe auf den nächsten Baum. Von dort oben lachte er auf Itschii herab.

»Hahaha. Dachtest du etwa, du würdest mich kriegen? So schnell wie Chetan ist kein anderer!», behauptete der Fremde.

»Chetan? Was ist das denn für ein alberner Name?», fragte Itschii, der unter dem Baum stand und hinauf schaute.

»Albern? Chetan ist ein würdevoller Name. Er bedeutet »das Leben». Und ich lebe, glaub mir! In Freiheit und Unabhängigkeit. Ich halte mich nicht an Regeln und tue den ganzen Tag lang nur das, wozu ich Lust habe. Chetan – das Leben. Ist doch cool. Gib es zu!»

Itschii dachte kurz nach und grinste. »Chetan … na gut. Das ist cool. Los. Komm da runter!», befahl er. Der fremde Junge sprang mit einer Rolle rückwärts vom Baum. Wie eine Katze drehte er sich zweimal in der Luft und landete sicher auf beiden Beinen.

Gelassen fragte er: »Und wer bist du?»

»Itschii. Ich wohne hier auf dem Golfplatz.»

»Aha. Und was bitte bedeutet der Name Itschii?», fragte Chetan.

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